Was verändert die globalen Werte?
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Die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Durchsetzung wirtschaftsethischer Positionen

Gastvorlesung an der Theologischen Fakultät der Universität Bern zum Dies Academicus.
Zur Verleihung des Ehrendoktorats an Rudolf Strahm


von Rudolf H. Strahm

Für die Einladung durch Ihre Fakultät möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Auch Ihrer initiativen Dekanin möchte ich meinen Dank aussprechen, denn sie hat mit Literaturrecherchen und administrativen Umtrieben keinen Aufwand gescheut.

Als die Voranzeige dieser Einladung und Ehrung der Theologischen Fakultät an mich gelangte, war meine erste spontane Reaktion: Wollt Ihr damit die Ökonomen in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät provozieren?

Ich habe zwar meine Alma Mater Bern immer sehr geschätzt, und ich verdanke ihr viel in meinem Leben. Doch fast zeitlebens habe ich auch gehadert mit der Ökonomie und den Ökonomen an dieser Universität. Ich werde Ihnen das später ein bisschen erklären.

I Reminiszenz


Es ist nicht bloss Zufall, dass ich jetzt vor der Theologischen Fakultät stehe. Denn meine „Karriere“ in der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung hat auch ein wenig in Ihrer Fakultät ihren Anfang genommen.

Ich war damals 26-jähriger Ökonomiestudent im dritten Semester – und zwar auf dem zweiten Bildungsweg: Ich hatte zuvor schon eine Laborantenlehre, einen Chemieingenieur-Abschluss und fünf Jahre Industrietätigkeit hinter mir. Als Studentenvertreter war ich 1969 vom Synodalrat in das Bernische Komitee „Brot für Brüder“ delegiert worden. (Heute ist dies „Brot für Alle“ – „Schwestern“ gab es in der Kirche damals noch nicht). Die Fachgruppe der Theologieassistenten unter dem Namen „Focus“ lud mich dann am 9. September 1969 ins Theologische Seminar an die Sidlerstrasse 4 (in eine alte Villa gleich hinter der Uni) zu einem Vortrag über Entwicklungsökonomie ein. (Die Theologengruppe, in der u.a. Hans Kaspar Schmocker, Martin Stähli, Rudolf Dellsperger mitwirkten, gab sich ihren Namen in Anlehnung an die lateinamerikanische Focus-Theorie von Che Guevara, Leonardo Boff und andern Befreiungstheologen.) An diesem September-Abend referierte ich vor den Mitgliedern Ihrer Fakultät mit Hilfe von grossen, ausgerollten, beschrifteten Packpapierbögen, auf denen ich mit Filzschreibern Grafiken über Armut und Verschuldung der Dritten Welt, über die Verschlechterung der Terms of Trade und über die Folgen des westlichen Wirtschaftssystems visualisiert hatte.

Es gab damals bereits einen Dritte-Welt-bezogenen Aufbruch in den Kirchen mit dem „Appell an die Kirchen der Welt“ der Konferenz für Kirche und Gesellschaft 1966 in Genf und danach den Bericht der Vollversammlung des Oekumenischen Rats der Kirchen 1968 in Uppsala. Es gab aber auch die Enzyklika „Pacem in Terris“ (1963) des Reformpapstes Johannes XXIII. Und deswegen war das Zusammengehen mit den Katholiken in der Entwicklungsländerfrage eine Selbstverständlichkeit.

Aus diesem Referat vor dem Mittelbau Ihrer Fakultät - mit Packpapierbögen und Grafiken - ist dann nach der Interkonfessionellen Konferenz Schweiz-Dritte Welt 1970 mein erstes Buch „Industrieländer- Entwicklungsländer“ (1972) entstanden, übrigens im katholischen Laetare/Imba-Verlag der Freiburger Kanisius-Schwestern ediert. Dann später der Bestseller „Überentwicklung-Unterentwicklung“ im Laetare-Verlag (1975) und noch später der Titel „Warum sie so arm sind“ im deutschen Peter Hammer-Verlag (1985). Diese Bücher sind in neun Sprachen übersetzt worden, mit einigen hunderttausend Auflagen. Erst vor ein paar Wochen habe ich von der mexikanischen Uebersetzerin, Professorin Ursula Oswald Spring (UNAM), erfahren, dass die Übersetzung „Por esto somos tan pobres“ in Lateinamerika 1,5 Millionen mal verkauft worden ist.

Ich will jetzt nicht weiter über meine Biographie sprechen. Aber dieser Auftritt bei den Berner Theologen vor 42 Jahren an Ihrer Fakultät hat meine erkenntnisleitenden Interessen doch in ganz bestimmte Bahnen gelenkt. Selbstredend auch meine damalige Mitarbeit bei „Brot für Brüder“ und die Zusammenarbeit mit den Theologen Barth’scher Prägung, die in den 1960er Jahren in den Schweizer Kirchen erstmals den Ausbruch aus der geistigen Enge des Zweiten Weltkriegs versuchten.

Ich erwähne diese Begebenheit deshalb, weil sie auch symptomatisch war - und heute noch symptomatisch ist: Wer in Sachen Ökonomie aus dem engen Korsett der Mainstream-Doktrinen ausbricht (das hatte ich damals versucht), wird eher von ausserhalb der Ökonomie, von den Theologen, Ethikern, Gesellschaftswissenschaftern zur Kenntnis genommen, als von der eigenen Zunft. Das ist auch heute noch so.



II Hader mit der Mainstream-Ökonomie


Mein Erkenntnisweg war geprägt von meiner Auseinandersetzung mit der liberalen Ökonomie. Für mich war es quasi ein geistiges „To be is to confront!“ Ich habe zeitlebens gehadert mit der liberalen und später neoliberalen Berner Schule der Ökonomie.

Erstens hat sie meine entwicklungspolitischen Anliegen und Interessen und später auch meine diesbezüglichen Publikationen beharrlich ignoriert. Der Ökonomieprofessor Paul Stocker (gestorben 1973) hat mich zwar ironisch als „Waffenchef der Entwicklungsstudenten“ karikiert und mir dann doch einen Preis verliehen. Aber die Ökonomie war damals in ihrem Selbstverständnis eben eine NATIONALökonomie, also eine NATIONALE Ökonomie, in der die übrige Welt, die Dritte Welt-Ökonomie etwa, schlicht keinen Platz hatte. Und über Jean Zieglers Lehrtätigkeit als externer, nebenamtlicher Dozent für Entwicklungssoziologie hat man sich an der gleichen Fakultät eher geschämt als gefreut.

Zweitens hat sich die Wirtschaftswissenschaft zunehmend zu einer scheinexakten, mathematisch-mechanistischen Physik entwickelt, mit immer weniger gesellschaftspolitischem Bezug und schon gar keinem ethischen Fundus mehr. Doch im Grunde ist und bleibt die Nationalökonomie bis heute eine normative Wissenschaft, welcher weltanschauliche Wertungen und anthropologische Verhaltenshypothesen zugrunde liegen, auch wenn sie dann mit scheinexakten, ökonometrischen Modellen daherkommt und heute einen Absolutheitsanspruch an alle andern Sozialwissenschaften stellt.

John Maynard Keynes, der grösste Ökonom des letzten Jahrhunderts, nannte die Ökonomie noch „ a moral science“, also eine normative, weltanschauliche Wissenschaft. Und der greise St.Galler Ökonom Hans-Christoph Binswanger sprach von der „Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“ (Buchtitel) und vom „faustischen Prinzip in der Ökonomie“, was allerdings vom Mainstream unserer Zunft als altersbedingtes Abdriften in die religiöse Spätphase betrachtet wird.

Drittens ist den allermeisten heutigen Ökonomen nicht einmal mehr bewusst, dass sie implizit von normativen Setzungen ausgehen. Früher kannten sie wenigstens noch den Werturteilsstreit zwischen Max Weber und dem Verein für Socialpolitik und den spätern Positivismusstreit über die Objektivität in den Sozialwissenschaften zwischen Hans Albert und Jürgen Habermas. Eine solche aufgeklärte Selbstüberprüfung fehlt heute.

Einige Veranschaulichungen zum normativen Charakter.

In der Lehrbuchökonomie gibt es eine Reihe von Doktrinen, die schlicht weltanschaulich besetzt sind und dennoch unausrottbar dominieren. Einige Beispiele möchte ich zur Veranschaulichung nennen.

a) Das Menschenbild des Homo Oeconomicus, des rein zweckrationalen, nutzenorientierten Handlungsmenschen, liegt als Verhaltenshypothese den ökonometrischen Modellen zugrunde. Dieses anthropologische Konzept des Homo Oeconomicus ist eine normative Konstruktion. Es gibt ihn nämlich gar nicht oder nur ganz eingeschränkt. Irrationales Verhalten an den Märkten, etwa Panik, Herdeneffekte, Gier, wie wir sie an den Finanzmärkten erfahren, werden nur in Aussenseiterdisziplinen ernst genommen und dort werden sie als blosse Störung der Märkte abgehandelt. Vielleicht finden jetzt solche von der Psychologie ausgehenden Denkkategorien mit der neueren „Behaviour Economics“ eine hoffähigere Stellung.

b) Das so genannte „eherne Gesetz von Angebot und Nachfrage“, das sich in jedem Lehrbuch wieder findet und jetzt sogar als Pflichtstoff für die Unterstufe im Lehrplan 21 Eingang finden soll, ist eine eng begrenzte, fast fundamentalistische Doktrin. Diese sog. „Gesetzmässigkeit“ gilt nämlich nur bei völliger Markttransparenz mit völlig homogenen Gütern wie Rohstoffen oder Devisen. Aber sie ist in der Wirtschaftswirklichkeit die grosse Ausnahme und nicht die Regel – das weiss der frühere Preisüberwacher!

c) In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechung VGR der Ökonomen wird definitionsgemäss als Arbeit nur die bezahlte Arbeit gemessen und in Franken bewertet. Unbezahltes Arbeiten, Hausarbeit, Betreuungsarbeit von Kindern, freiwillige Arbeit gehört zum „informellen Sektor“ und wird im BIP nicht als Wertschöpfungsbeitrag gezählt. Obschon gerade diese menschlichen Tätigkeiten einen unverzichtbaren Beitrag zur Lebensqualität leisten.

d) Die Frage etwa nach der „gerechten Verteilung“ des Einkommens oder Vermögens, „Gerechtigkeit“, ist im ökonomischen Mainstream schlicht ein Unwort. Wer das braucht, ist schon fast aus der Wissenschaftszunft exkommuniziert.

e) In der auf die Märkte fixierten Mainstream-Ökonomie ist die Tätigkeit des Staates fast per definitionem eine Störung. Die Staatstätigkeit stört bloss den Markt! Der Anti-Etatismus gehört quasi zur impliziten Grundanschauung der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft.

f) Ich habe bei den klassischen Ökonomen auch nie ein Interesse oder einen Widerhall gefunden zu jenem Thema, für das ich mich seit Jahren intensiv beschäftige und publiziere, nämlich die Berufsbildung als Antwort auf die Jugendarbeitslosigkeit. Ich halte dieses Problem von derzeit 20.5% Jugendarbeitslosenquote in Europa für das grössere Drama als die täglich schlagzeilenträchtige Verschuldung der Staaten. Denn es gibt keine grössere Demütigung eines jungen Menschen, also das Gefühl, nicht gebraucht zu werden.

Aus dieser Veranschaulichung des normativen, politischen Charakters der Wirtschaftswissenschaften ist zu folgern: Es bräuchte in der akademischen Ökonomie an jeder wirtschaftswissen-schaftlichen Fakultät einen Pluralismus von Methoden und Sichtweisen. Den vermisse ich bei Auswahl von Dozenten.

Seit über einem Jahrzehnt beteilige ich mich an den KOPTA-Kursen Ihrer Fakultät zur Vorbereitung Ihrer Theologiestudierenden auf das Wirtschaftspraktikum. Und dabei versuche ich den vor dem Industriepraktikum immer etwas verängstigten Studis auch bewusst zu machen, dass die Ökonomie im Grunde eine normative Wissenschaft bleibt – trotz ihrem Dominanzanspruch dank der ökonomisierten Gesellschaft – und dass deren Grundprinzipien und deren Menschenbild auch von Theologen ethisch hinterfragt werden dürfen und sollen. Es braucht etwas mehr Selbstvertrauen der Nichtökonomen in einer Debatte über die Fachbereichs- und Fakultätsgrenzen hinweg - auch von Ihnen, liebe Dozentinnen und Dozenten. Denn die gefährlichsten Ideologen unter den Wissenschaftern sind jene, die meinen ideologiefrei zu sein. Und Ihre Kollegen unter den Wirtschaftswissenschaftern sind dabei hochgradig gefährdet!


III Veränderung von Weltbildern


Können die Ökonomen überhaupt von ihren Weltbildern abrücken?
Kann die Wirtschaft überhaupt ihre Sachziele und Systemzwänge verändern? Oder ist sie ein selbstreferenzielles System, das sich selber kaum korrigieren kann?

Oder eine noch weiter gefasste Fragestellung: Wer/was verändert eigentlich die Wirtschaft ? Wer verändert die Weltwirtschaft? Wer verändert die Welt?

Ich habe damals meine Berufslaufbahn nach dem Studium nicht bei der Basler Chemieindustrie weiter geführt, wo man mir zuvor als Chemieingenieur empfohlen hatte, doch noch Betriebswirtschaft zu studieren und Offizier zu werden. Nach dem Studium ging ich zur UNCTAD, der Welthandelskonferenz der Uno, die sich damals stark mit der Armut in der Dritten Welt befasste. Danach wurde ich erster vollzeitlicher Sekretär der „Erklärung von Bern“, einer aus den Kirchen herausgewachsenen Bewegung, die 1968 von Theologen (André Biéler, Max Geiger, Hans Ruh) gegründet worden war. Ich war später dann in weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen tätig.

Aus über vierzig Jahren wirtschaftspolitischer Erfahrung ziehe ich eine zentrale Erkenntnis, die ich Ihnen hier als Hauptthese formuliere:

Grundlegende Verschiebungen in der Weltwirtschaft kommen nicht zuerst von den etablierten Mächten. Es sind nicht die Regierungen, nicht die Amtskirchen und nicht die Universitäten, nicht einmal die politischen Parteien und Gewerkschaften, die in den letzten vier Jahrzehnten Veränderungen in der Welt angestossen haben. Es sind die Nichtregierungsorganisationen, die sogenannten NGOs (Non Governmental Organizations), welche die gesellschaftliche Entwicklung im Sinne von Humanität, Solidarität und Nachhaltigkeit voranbrachten. Es sind diese zivilgesellschaftlichen Bewegungen, welche neue ethische Werte in die globale Wirtschaftsgesellschaft einführen und diese durch themenbezogene Aktionen und Provokationen ins breite Bewusstsein bringen. Und letztlich sind es solche Lernprozesse, welche die neuen Grundwerte und globalen Normen einbringen und das Verhalten der Regierungen beeinflussen – dies oft mit grosser Verspätung erst.


Diese Nichtregierungsorganisationen NGOs sind die wichtigen Träger der Zivilgesellschaft.

NGOs verhinderten die Versenkung von ausgedienten Ölplattformen im Meer, - und heute ist diese Art von Entsorgung generell verboten. Andere NGOs dokumentierten die grassierende Abholzung von tropischem Regenwald und vergeben heute das Nachhaltigkeitslabel für Holz oder Palmöl. Wiederum andere kontrollieren die Einhaltung von internationalen Artenschutzabkommen bei Meerschildkröten in Polynesien, von Zugvögeln in Zypern, von Walen und Delphinen im Atlantik und Pazifik. Und zwingen die Regierungen, gegen das Artensterben aktiv zu werden. Andere beobachten die konkrete Einhaltung von Menschenrechten.

Der grosse deutsche Soziologe und Europapolitiker, Ralf Dahrendorf, hat als einer der ersten die NGOs als neue Wirkungsmotoren in der Zivilgesellschaft analysiert und in der Soziologie hoffähig gemacht. Die Zivilgesellschaft wächst auf dem Boden der Demokratie und der pluralistischen Gesellschaft; aber sie beeinflusst umgekehrt auch die Spielregeln in der Demokratie. Nichts hat die westliche Gesellschaft und die Transparenz in der Weltgesellschaft der Völker in den letzten vier Jahrzehnten so stark geprägt wie die Zivilgesellschaft. Es sind die Sozialbewegungen, Entwicklungsorganisationen, Umweltverbände, Menschenrechtsorganisationen. Weltweit gehen sie zahlenmässig in die Tausenden.
Sie heissen Amnesty International, Erklärung von Bern, Oxfam, Helvetas, Caritas, HEKS, Greenpeace, WWF, Transparency International oder Human Rights Watch. Sie geben jährlich im Weltsozialforum (WSF) von Porto Alegre, Mumbai, Belem oder Dakar eine Heerschau ihrer Truppen; - eine Art Gegenveranstaltung zum jeweils gleichzeitig stattfindenden Weltwirtschaftsforum in Davos. (Ich war schon in beiden Veranstaltungen zugegen, wohl als einer der wenigen, die die Welt von „Davos“ und von „Porto Alegre“ gleichzeitig kennen.)

Viele dieser NGOs haben heute ein hohes Prestige und eine nicht zu unterschätzende Wirkung bis in die Regierungskreise. Ein Bericht von Amnesty International oder von Human Rights Watch gilt als glaubwürdiger als eine Analyse des befangenen UNO-Menschenrechtsrats. Eine Untersuchung der Erklärung von Bern über falsche Exportpraktiken wird in der schweizerischen Wirtschaftspresse wiedergegeben und als Frühwarnsignal über zukünftige Marktentwicklungen ernst genommen. Oder ein Rating von Transparency International über den Korruptionsstatus von Ländern gilt selbst in der Kapitalanlegerszene als ernstzunehmender vorlaufender Indikator für die Bonität eines Finanzplatzes. Banken und Exportfirmen, die ihn missachten, könnten dafür teuer bezahlen.

In der Dritten Welt ist die Zivilgesellschaft meist schwächer entwickelt und ausgebaut. Allerdings haben uns die zivilgesellschaftlichen Bewegungen im Maghreb und in Aegypten deutlich die normative Kraft vor Augen geführt. Wer hätte vor einem Jahr damit gerechnet? Ich werde dann etwas zum Fallbeispiel Brasilien sagen.



IV Ethik in der Konsumentenmacht (Fallstudie I)


Als allererste begannen Anfang der 1970er Jahre kritische kirchliche Frauen mit der Infragestellung der tiefen Bananenpreise. Wie kommt es, dass ein Kilo Bananen nach der langen Überseereise bei uns weniger kostet als ein Kilo einheimischen Obsts? Das fragten sich einige ethisch motivierte Frauen rund um die Pfarrfrau Ursula Brunner in Frauenfeld. Inspiriert durch die Frage nach dem „gerechten Lohn“ und informiert durch den Film „Bananera Libertad“ des Schweizer Filmers Peter von Gunten entstand eine demonstrative Verkaufsaktion von Bananen mit einem, „gerechten“ Aufpreis mit entsprechend grossem Medienecho.

In der Erklärung von Bern wurden ab 1974 die „Kaffeeaktionen Ujamaa“ gestartet. Zuvor hatten wir als spontane studentische Arbeitsgruppe Dritte Welt in Bern zehntausend selbst abgefüllte Gläser mit löslichem Pulverkaffee aus Tansania verkauft. Die ersten 10'000 Kaffeegläser füllten wir an einem Wochenende löffelweise von Hand ab. Und dabei konnten wir die Räumlichkeiten des Theologischen Seminars der Universität Bern, damals schon an de Erlachstrasse, nutzen… (Ich weiss nicht, ob heute Ihre Studierenden die Seminarräume noch zu so etwas brauchen.)

Die Aktion Ujamaa sollte als Verkaufsaktion von löslichem Kaffeepulver aus Tansania symbolisch die Botschaft vermitteln, dass die Entwicklungsländer nicht nur Kolonialrohstoffe, sondern wertschöpfungsintensiv verarbeitete Fertigprodukte und Fabrikate verschiffen wollten. (Dabei wurde nur ganz kleinlaut vermerkt, dass die tansanische Kaffeepulverfabrik in Bukoba am Viktoriasee damals noch von Nestlé gemanagt wurde.)

Dutzende von Aktionskomitees und kirchlichen Solidaritätsgruppen verkauften danach den Ujamaa-Solidaritätskaffee an Ständen auf offener Strasse, später in Kirchgemeindezentren und später in eigens eröffneten Dritte-Welt-Läden. (Diese und die nachfolgend beschriebenen Konsumenten-Solidaritätsaktionen sind beschrieben worden im historischen Band: Anne-Marie Holenstein, Regula Renschler, Rudolf Strahm: Entwicklung heisst Befreiung. Erinnerungen an die Pionierzeit der Erklärung von Bern, Chronos Verlag Zürich 2008)

Eine weitere Konsumentenaktion, ebenfalls initiiert von der Erklärung von Bern und finanziell mitgetragen durch weitere kirchliche und studentische Aktionsgruppen, konzentrierte sich ab 1975 auf den Import von handgenähten Jutetaschen aus ländlichen Frauenkooperativen in Bangladesh. Mit der Aktion „Jute statt Plastic“ sollten ab 1975 zwei Themen vereint werden: einerseits die Arbeitsbeschaffung für arme Frauen in Bangladesh durch die Verarbeitung des lokal vorhandenen Rohstoffs Jute, und anderseits eine Warnung vor giftigem, umweltbelastendem Kunststoff, der damals häufig auf PVC-Basis hergestellt war und beim Verbrennen Salzsäure (HCl) abgab. Zunächst 40'000, darauf weitere 80'000 Jutetaschen aus bengalischen Frauenkooperativen wurden von der Erklärung von Bern in kurzer Zeit vertrieben.

Beide Aktionen, „Kaffee Ujamaa“ und „Jute statt Plastic“, wurden bald in Holland, in der Bundesrepublik Deutschland, ja sogar in Skandinavien und andern Ländern Westeuropas übernommen und grossskalig betrieben.

Im Verlauf der Zeit entstanden aus spontanen Standaktionen permanente Dritte-Welt-Läden, darauf eine genossenschaftliche Importstelle „OS3“ (Organisation Suisse-Tiers Monde), die zur heutigen, professionell geführten „Claro“ führte und die die „Claro-Läden“ mit Fair Trade-Produkten beliefert. In Deutschland und Holland sind ebenso tausende „Dritte-Welt-Läden“, „Welt-Läden“ oder „Solidaritäts-Shops“ entstanden.

Aus den holländischen Konsumentenaktionen wurde in den achtziger Jahren das Fair Trade-Label „Max Havelaar“ verbreitet. Es fand nicht nur in Alternativ- und Parallelshops sondern europaweit von auch bei Grossverteilern (in der Schweiz bei Migros und Coop) Eingang. Die Produktionsbedingungen im Herkunftsland der Produkte werden heute kontrolliert und eine bestimmte Marge aus dem Produkteverkauf wird für Projekte und Investitionen in den betreffenden Ländern eingesetzt.

Mit dem Fair Trade-Label wurde später für Waren aus Entwicklungs- und Schwellenländern ein professionelles Rückverfolgungs- und Qualitätsprüf-System entwickelt. Minimalbedingungen für einen „Existenzlohn“ im Produktionsland wurden definiert und durch reisende Inspektoren bei den Produzenten in China, Thailand, Philippinen und anderswo kontrolliert. „Fair Trade“ ist heute eine Art State of the Art (der „Kunststandard“) im Hochpreis-Konsumsegment.

Im Hochpreissegment haben in der Zwischenzeit europäische Modehäuser das Fair Trade-Label übernommen. So warb Coop im Modeherbst 2010 für „Fashion und Fairness“ zur Positionierung ihrer hochpreisigen Modekollektion unter dem Signet „Naturaline-BioCotton“. Werbespruch: „Ein Kleidungsstück von Naturaline ist mehr als nur ein Kleidungsstück. Das Label vereint Mensch, Umwelt und Mode…“. - Ethische Werte der frühen Dritte-Welt-Bewegung sind also zu Vehikeln der kommerziellen Qualitätswerbung bei kaufkräftigen Mittelschichten geworden. Und die ehemalige Miss Schweiz Melanie Winiger amtet als Model und Botschafterin für Fair-Trade-Mode. Konsumentenmacht wird über den Markt auch zur ethischen Macht.

Allerdings gab es im Verlauf der Jahrzehnte auch Verirrungen und Verrenkungen der NGO-Bewegungen. Eine militante Gruppe von Verkäufern in Dritte Welt-Läden wollte in den achtziger Jahren aktiv verhindern, dass auch die Migros und andere kommerzielle Läden die Jutetaschen zwecks Imagepflege vertreiben. Sie wollten mit Jute eine Nische schaffen, diese Nische bewirtschaften und möglichst in der alternativen Nische verharren. Andere Alternativbewegungen im Umweltschutzbereich führten mit dem Waldsterbeargument einen verbissenen Kampf gegen die Autofahrer oder einen Kampf gegen Fussballstadien und brachten sich so ins Abseits. Jede Alternativbewegung ist auf einem meist schmalen Grat zwischen attraktiver Aktion mit pädagogischer Ausstrahlung und sektiererischer Radikalisierung in Selbstisolation.

V Dynamik themenzentrierter Aktionen


NGOs beginnen ihr Wirken meist mit einer klar themenbezogenen Aktion. Die Bewegten drängen auf Korrekturen und Veränderung dort, „wo der Schuh drückt“. Ethisch geprägter Alltagsverstand sucht die Aktionsthemen aus, nicht wissenschaftliches Forschungsinteresse. Die Bewusstseinsbildung und Politisierung erfolgt nach dem Muster: Aktion – Reflektion – Aktion.

Am Anfang steht meist ein praktisches Engagement für EIN Thema, gegen EINEN Missstand, für EIN schützenswertes Objekt. NGOs haben nicht ellenlange Themenlisten wie politische Parteien, sondern (mindestens zu ihrem Beginn) EIN verhaltensleitendes Aktionsthema. Sie beginnen nicht mit Forschung oder wissenschaftlichen Diskussionen, sondern mit der Aktion, die dann weitere Recherchen und wissenschaftliche Legitimation erfordert.

Wir sind alle in die geistige Enge der Kultur des Zweiten Weltkriegs hineingeboren worden. Der Ausbruch aus dieser Enge war nicht gradlinig und nicht konfliktfrei, und auch nicht einfach intellektuell, sondern es war immer eine Dynamik von Aktion und Reflexion mit einem Thema, und erst später mit einer Generalisierung aufs ganze Weltbild.

VI Bewegungen in Brasilien (Fallstudie II)


In Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas begann es mit den Comunidades ecclesiales de base, den Basisgemeinschaften, die in den 60er- und 70er-Jahren unter dem Schirm der katholischen Kirche in Elendsvierteln und Landsprengeln entstanden. Es war die Epoche des Kalten Krieges, der unerbittlichen amerikanischen Durchsetzung der Monroe-Doktrin (die USA betrachteten Lateinamerika seit 1823 als hegemonial beherrschtes Hinterland). Es war die Zeit der Militärdiktaturen, der CIA, der alltäglichen Folterpraxis, der Dominanz eines sozial ignoranten Bürgertums.

Die christlichen Comunidades de base waren zunächst lokale kirchliche Basisgruppen mit dem dreifachen Anspruch „Kirche leben“, „Kirche sein“ und „als Kirche handeln“. Inspiriert waren die katholischen Priester und Kirchenverantwortlichen durch die Anfänge der Theologie der Befreiung, aber sie wurden ebenso gestützt durch die theologischen Nachwirkungen des Reformpapstes Johannes XXIII (1958–1963 im Amt) und durch den offenen, sozial orientierten Reformprozess, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) ausging. In Medellín und Puebla fanden lateinamerikanische Bischofskonferenzen statt, die die Befreiungstheologie zwar nicht verordneten, aber doch tolerierten und in Lateinamerika hoffähig machten. Zudem wurden die antikolonialistischen und antiimperialistischen Doktrinen (Raúl Prebischs „Desarollismo“, die Dependencia-Theorien u.a.) intensiv studiert und auch breit aufgenommen.

Nicht die Kirchen-Hierarchie von oben, sondern kirchliches und gemeinschaftliches Leben von unten prägte die christlichen Basisgemeinden in Brasilien. Die Comunidades de base verstanden sich als eigentliche „Basis“ der Kirche – ähnlich, wie sich die Zivilgesellschaft in den Industrieländern als demokratische Basis in der Gesellschaft versteht. Für diese Basisgemeinden Lateinamerikas fand Glaube stets mit Gott und mit den Menschen statt. Sie hatten und haben einen theologischen und einen politischen Anspruch.

Während der Militärdiktatur in Brasilien erfuhren die Basisgemeinden und linken Priester zumindest eine gewisse Protektion durch den mittleren Klerus. Ein Exponent dieser starken Bischofsgruppe war Dóm Helder Câmara aus Recife, der durch seine Auftritte in Europa eine prophetische und politische Anerkennung der Theologie der Befreiung bewirkte und die aufkommenden europäischen Solidaritätsgruppen innerkirchlich stärkte. (Ich durfte ihm vor seinen Europareisen anfangs der 1970er Jahre über seine Zürcher Verleger jeweils Facts und Figures zu Weltwirtschaftsfragen, Kapitalflucht und Waffengeschäften für seine Europa-Reden zutragen.)

Eine besondere Inspiration für die pädagogische Wirkung der brasilianischen Comunidades de base brachten zweifellos die Lehr- und Lernmethoden von Paulo Freire mit seinem Weltbestseller „Pädagogik der Unterdrückten“. Seine Analyse von „struktureller Gewalt“ führte zur Folgerung, der Kampf gegen Unterdrückung, Gewalt und Ungerechtigkeit müsse von den Unterdrückten selber ausgehen. Die Pädagogik sei vor allem eine conscientisaçao, eine Bewusstseinbildung über die Unterdrückungsstrukturen.

Nicht nur Nächstenliebe, sondern „Liebe durch die Strukturen“ müsse wirksam werden – dies war die Hauptbotschaft der Theologie und Pädagogik der Befreiung. Dazu gehörte der Kampf gegen ungerechte Handelsbeziehungen, gegen die Verschlechterung der Terms of Trade (d.h. der realen Austauschverhältnisse; das Konzept wurde von Raúl Prebisch über die Welthandels- und Entwicklungskonferenz Unctad auch weltweit hoffähig gemacht), aber auch der Kampf gegen Grossgrundbesitz und Landenteignung der Oligarchie. Zentrales Instrument dieser Strategie war auch das Ringen für Menschenrechte durch Gefängnisbesuche, Prozessführungen und das Schaffen von Transparenz über Entführungen und Landenteignungen durch Grossgrundbesitzer.

Aus den Basisgemeinden Brasiliens entstanden nach der Militärdiktatur breitere politisch-emanzipatorische Bewegungen: Bewegungen der Landlosen, Bewegungen für den Schutz natürlicher Ressourcen, gegen die Zerstörung des tropischen Amazonaswaldes, gegen die Verelendung der Favelas. Ganz besonders wurden die wieder erstarkten Gewerkschaften und linken Parteien von früheren Aktivisten der christlichen Basisgemeinden genährt und personell aufgerüstet. Ohne diese frühen Keimzellen der Basisgemeinden wäre eine Generation später keine mehrheitsfähige Linksbewegung entstanden.

Die Gründung des Weltsozialforums als Gegenbewegung zum Weltwirtschaftsforum (WEF) von Davos ermöglichte Tausenden von Basisbewegungen Lateinamerikas einen gemeinsamen Diskurs und allmählich einen Zusammenhalt, eine politische Legitimation und eine stärkere Kooperation mit zahlungskräftigen NGOs in Nordamerika und Europa. Sie sind heute weltweit mit Internet vernetzt und koordinieren ihre Tätigkeit.

Die Regierung des erfolgreichen linken Pragmatikers und Gewerkschafters Luiz Inácio Lula da Silva (2002–2010) wäre nie zustande gekommen ohne die Vorreiterrolle der Basisbewegungen Brasiliens und die Vorreiteraktionen der aufkeimenden Zivilgesellschaft. Die Landlosenbewegung Brasiliens (MST) und unzählige urbane Gruppierungen waren 2002 die starke Wählerbasis für den Gewerkschafter Lula und zugunsten der Arbeiterpartei PT. Allerdings brauchte es – und dies zeigt auch die Stärke und Schwäche der zersplitterten Zivilgesellschaft – die starke, charismatische und einigende Figur des Lula da Silva, welche die disparate Wählerschaft einigte und eine gemeinsame Vision von Staatsreform und Wirtschaftspolitik personell verkörperte.

Im Rückblick auf seine acht Amtsjahre wurde Lula da Silva sowohl vom linken „Monde diplomatique“ als auch von der rechtsbürgerlichen „Neuen Zürcher Zeitung“ als erfolgreichster Präsident bezeichnet, den Brasilien je gekannt hat. Seine historische Bedeutung in Sachen Wirtschaftspolitik, Verteilung, Armutsbekämpfung und Schuldenabbau ist gewaltig. Aus dem Schuldnerland Brasilien, das stets als Bittgänger die Krücken und Konditionen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch nehmen musste, ist eine selbstbewusste Gläubigernation im Kreis der Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer G-20 geworden. Das hatte zuvor kein bürgerlich-kapitalistischer Politiker Lateinamerikas zustande gebracht.

Die Reformen und die Machtergreifung der Linksparteien Brasiliens verliefen eindeutig über die Entwicklung der Bewegungen und der Zivilgesellschaft. Allerdings haben sich auch dort einige linke Gruppierungen, nachdem sie an der Macht beteiligt waren, in sektiererische Elemente aufgesplittert. Am Weltsozialforum 2009 in Belém sind die linken Staatspräsidenten von Bolivien, Venezuela, Ecuador und Paraguay als „Freunde der Bewegung“ eingeladen worden, der erfolgreiche Lula da Silva hingegen wurde als angeblicher „Verräter“ an den sozialen Bewegungen ausgeladen. Solche Vorfälle sind die äusseren Symptome sektiererischer Tendenzen auch in den sozialen Bewegungen.


VII Vorreiter von Entwicklung


Was ist das Fazit aus diesen Fallstudien? - Ohne die Konsumentenaktionen der 1970er- und 1980er-Jahre gäbe es heute keine Fair-Trade-Mode bei uns. Ohne die Basisorganisationen in Brasilien und in ganz Lateinamerika gäbe es dort keine sozialen, demokratischen Regierungen. Soziale Umbrüche laufen über die Zivilgesellschaft!

Aus dem Berner Nestlé-Prozess 1974-76 (ich gehörte zu den Hauptangeklagten) ist später mit Hilfe amerikanischer NGOs, mit denen wir zusammen arbeiteten und mit Hilfe des Senators Edward Kennedy, der WHO-Code of Conduct Baby Food entstanden. Dieser multilaterale Verhaltenskodex der WHO für multinationale Konzerne beschränkt global die Babynahrungswerbung. Dieser Verhaltenskodex hat kürzlich das 30-Jahr-Jubiläum feiern können.

Ohne die professionellen Interventionen von Caritas International, Oxfam, Erklärung von Bern und anderen gäbe es keine in der Welthandelsorganisation WTO erzwungene Ausnahme vom teuren Patentschutz der Pharmakonzerne bei Aids-, Malaria- und Tuberkulose-Medikamenten für arme afrikanische Länder.

Ohne die aufsässige Kritik von Bauernorganisationen in Asien, ohne die José-Bové-Bewegung in Frankreich und ohne die „Multifunktionalisten“ in den Industrieländern gäbe es in der Welthandelsorganisation (WTO) kein soziales Gewissen hinsichtlich der Kleinbauern und der lokalen Nahrungsmittelproduktion.

Ohne die französische Attac-Bewegung und die Tax-Justice-Bewegung wäre die Frage einer Kapitaltransaktionssteuer (Tobin-Tax) nie hoffähig geworden. Sie will die spekulativen grenzüberschreitenden Devisenbewegungen eindämmen. In diesem Herbst (2011) stand die Tobin-Tax auf der Traktandenliste des EU-Rats und der G-20. Allerdings wird diese Finanztransaktionssteuer von der Wallstreet und seitens der amerikanischen und britischen Regierungen und der Schweiz vehement abgelehnt. Aber sie bleibt auf der politischen Agenda, Attac wird wohl dafür sorgen.

Auch die Problematik der internationalen Steuerflucht und des Bankgeheimnisses wurde lange vor dem Finanzcrash von 2008 von den Sozialbewegungen aufs Tapet gebracht. Und jetzt holt sie die Schweiz wieder ein, und zwar unter dem Druck einflussreicher Regierungen in Europa. (Erste Ideen für Massnahmen gegen die Kapitalflucht entstanden 1970 in der Interkonfessionellen Konferenz Schweiz und Dritte Welt und dann konkreter 1975 in der Erklärung von Bern. Der Schreibende wurde später nach dem Chiasso-Skandal 1977 für die Lancierung der Banken-Initiative gegen die Steuerflucht in die SP Schweiz geholt. Diese ist allerdings 1984 in der Volksabstimmung kläglich gescheitert. Und jetzt hat uns diese globale Thematik wieder eingeholt.)

Die Wirtschaftsgeschichte über die Vorreiter liesse sich beliebig verlängern. Nicht die etablierten Institutionen, nicht die Parteien, Regierungen, Kirchen oder Universitäten sind die Vorreiter für neue soziale und ökologische Werte, sondern die viel ungebundeneren NGOs der Zivilgesellschaft.

Diese Vorreiterrolle der Zivilgesellschaft wird sogar von Machtträgern ernst genommen. Heute entsenden multinationale Konzerne ihre stillen Beobachter inkognito ans Weltsozialforum und zu anderen NGO-Meetings, um zu berichten, was in dieser Szene abläuft. Denn häufig kommen dann die Forderungen der Zivilgesellschaft über Regierungserlasse wieder zu den Konzernen zurück. Der Nestlé-Konzern hat nicht davor zurückgeschreckt, westschweizerische NGOs mit studentischen Spitzeln zu infiltrieren, um sich Informationen zu beschaffen. Mit Hilfe der Sicherheitsfirma „Securitas“ schleuste Nestlé, wie gerichtlich nachgewiesen wurde, eine junge Frau in die globalisierungskritische Attac-Sektion in der Waadt ein, was zu einem gerichtlichen Verfahren führte und die Wirtschaftspresse beschäftigte.

VIII Ausblick


Die zukünftige Strategie der international vernetzten NGOs läuft mehr und mehr darauf hinaus, nicht nur Druck auf Regierungen, sondern auf grosse multinationale Gesellschaften auszuüben, auf den Nahrungsmittelmulti Nestlé etwa, auf den Rohstoffgiganten Glencore wegen der Rohstoffabbaubedingungen in Afrika, oder auf Microsoft und Apple wegen der Fertigungsbedingungen für Arbeiter in China und Taiwan.

Meine Vision ist, dass sich universell gültige internationale Standards für multinationale Gesellschaften durchsetzen: Menschenrechtsstandards, Oekostandards, Sozialstandards. Ich liege unserer Justizministerin im Ohr, dass auch bei uns das Konzernrecht so ausgestaltet wird, dass die Konzernmutter für die ethischen, sozialen und ökologischen Standards ihrer Töchter irgendwo auf der Welt gerade stehen muss. Denn in der Schweiz gibt es eine Häufung von Konzernsitzen wie nirgends sonst.

Die Debatte und Auseinandersetzung um die Globalisierung und ihre neuen Spielregeln kennt heute – grob typologisiert – drei Lager: Erstens die „Liberalisierer“, die auf einen Abbau aller Handelsschranken drängen und die Interessen der Konzerne, Banken und Globalisierungsgewinner vertreten.

Zweitens die „Isolationisten“, die zurück wollen zum Nationalstaat, zur Lokalökonomie, zu Lokalmärkten und kleinen Netzen, die (zum Beispiel in Frankreich) McDonald’s-Läden abfackeln und nach einer Wiedereinführung von Schutzzöllen rufen.

Die dritte Gruppierung sind die „Altermondialistes“. Sie denken global, handeln global, aber sie streben nach anderen sozialen und ökologischen Spielregeln auf übernationaler Ebene. Hinter ihr stehen die grossen, global operierenden Entwicklungs-, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, die Erklärung von Bern, die Caritas International, der internationale WWF, Greenpeace, Transparency International. Sie tauchen regelmässig an internationalen Kongressen auf. Sie fordern ökologische und soziale Standards im Rahmen der WTO-Handelsregeln, andere Konditionen des IWF, eine andere internationale Finanzarchitektur, Verhaltenskodizes für multinationale Konzerne. Auf dieser drittgenannten Bewegung ruht die Hoffnung, weil sie prospektiv und global arbeitet.

Diese zivilgesellschaftlichen Bewegungen fordern heute soziale, ökologische und ethische Spielregeln auf übernationaler Ebene ein. Im Laufe von Jahrzehnten ist in den zivilisierten westlichen Industriestaaten, namentlich in Westeuropa, der freie Kapitalismus schrittchenweise gebändigt und eine soziale, ökologische Marktwirtschaft errichtet worden. Das war ein jahrzehntelanges historisches Ringen um soziale und ökologische Leitplanken in einem Lande. Es wird auch auf internationaler Ebene Jahrzehnte dauern, bis sich neue nationenübergreifende Spielregeln in der globalen Wirtschaft durchsetzen.

Wir in der Schweiz sind gefangen in einem Mythos der idealen nationalen Souveränität. Diesen Glauben repetieren wir Tag für Tag. Der Prozess der Globalisierung wird die Lernfähigkeit unserer Gesellschaft noch enorm herausfordern, nämlich die Einsicht: Dass die Globalisierung auch globale Spielregeln erfordert.

Dieses Ringen um universale ethische Werte im Zeichen der Globalisierung erfordert darum drei Dinge: Hoffnung auf Neues, Inspiration in der Aktion und vor allem einen langen, langen Atem.




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