Hintergründe und Berichte
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Kulturplatz zum Thema ethische Mode  (21.03.07)
Kaufrausch mit gutem Gewissen

Die Konsumgesellschaft hat das gute Gewissen entdeckt. Wir sparen Strom, reduzieren den CO2-Ausstoss und kaufen wieder beim Bio-Bauern nebenan ein. Jetzt wird auch in der Modebranche nicht nur nach ökologischen, sondern auch nach ethischen Richtlinien geschneidert. «Ethical Fashion» ist das neue Schlagwort. «kulturplatz» auf SF1 hat sich in der Szene umgeschaut. Die EvB trug einige kritische Überlegungen zum verantwortungsvollen Einkaufen bei.
Der Markt gibt uns nicht auf jeden Wunsch ein befriedigendes Angebot. Bei der Bekleidung etwa hat er bisher versagt. «Gerecht produzierte Kleider» wie sie die Clean Clothes Campaign seit Jahren fordert, gab es nicht. Denn in der Textilindustrie werden den meist jungen Frauen generell Hungerlöhne bezahlt, Zwangsüberstunden abgefordert und sie werden schikaniert und diskriminiert. Eine "saubere" Produktionskette aufzubauen ist daher für alle Anbieter eine grosse Herausforderung. Was ist also ist von biologischer, fairer oder eben ethischer Mode zu halten?
Bio ist chic
Bio? Logisch!
Der soziale Vorteil der ökologisch produzierten Kleider besteht darin, dass dort meist langfristige Geschäftsbeziehungen bestehen und die Produktionsstätten vom Feld bis in die Konfektion bekannt sind. Das macht bereits einen bedeutenden Unterschied gegenüber der weit verbreiteten Auftragserteilung an irgendwelche Zwischenhändler, die irgendwo produzieren lassen.

Auch Umweltlabel berücksichtigen teilweise soziale Kriterien. Beim Kleiderkauf ist das Umweltzertifikat "bio" deshalb zumeist auch ein ethisches Verkaufsargument. Denn Biobaumwolle ist ein guter Anfang und bringt allerlei Vorteile für die Menschen im Herkunftsland. Positiv zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die Produkte von Remei, die als BioRe oder Coop Natura Line im Handel erhältlich sind. Da darin verarbeitete Baumwolle stammt aus den vorbildlichen Bio-Pionierbetrieben im indischen Maikaal und aus Tansania.

Coop ist mit ihrer Naturaline-Textilkollektion nach eigenen Angaben der weltweit grösste Anbieter von Biobaumwolle (mit über 3 Mio. Artikel im 2005, was 1400 Tonnen Baumwolle und einem Umsatz von knapp 40 Mio. Franken entspricht,). Weitere Bio-Pioniere sind Helvetas, Hess Natur, Migros, Switcher, WWFPanda und die belgische Made in Dignity.

Auch Levi’s, Puma und H&M haben kürzlich Bio-Kollektionen angekündigt. Bei Nike wird die Strategie verfolgt, einen steigenden Anteil Biobaumwolle unter die kommerzielle Baumwolle zu mischen. Damit ist Biobaumwolle ein Bestandteil der Nachhaltigkeitspolitik von Nike, ohne dass dies am Produkt selbst vermerkt wird. Solche Zurückhaltung beim Marketing ist löblich.

Diese und andere Global Player wie etwa die britische Supermarktkette Marks&Spencer haben einen echten Bioboom ausgelöst. Was auf dem globalen Biobaumwollmarkt heute gar zu Lieferengpässen führt. Da dieser noch auf extrem tiefem Niveau liegt (0,1 Prozent vom Weltmarkt für Baumwolle!), erstaunt dies nicht. Es ist aber zu hoffen, dass die genannten Unternehmen im Biobereich eine nachhaltige Strategie verfolgen. Denn es braucht modische Angebote und attraktive Werbung, damit mehr Kundschaft ins Bioregal greift. Eine wichtige Informationsquelle dazu wird derzeit vom Pestizid Action-Netzwerk (PAN Germany) aufgebaut.

Die erste Biowelle Anfang der 90er Jahre endete nämlich mit einem Debakel: Als die Firmen nicht schnelle Profite damit erzielen konnten, stiegen einige wie Calida bald wieder aus und hinterliessen zahlreiche frustrierte Biobauern. Unternehmen, die bio oder fair nur in einer kleinen Nische anbieten, werden ihre ethische Glaubwürdigkeit bald wieder verlieren.
Fairness mit Stil
Pflückerinnen ernten faire Baumwolle
Kritisch und bewusst Konsumierende weisen wir darauf hin, dass auch in Welt- und Ökoläden einzelne Angebote an fair gehandelten Textilien bestehen (z.B. von Caritas, Claro oder Helvetas). Deren Baumwolle oder das Kleidungsstück selbst stammt aus Entwicklungsprojekten von Schweizer Hilfswerken. Dabei geht vor allem darum, den
Baumwoll-Bauern und kleinen Produzenten einen Marktzugang zu ermöglichen.

Seit Frühling 2005 können sogar Frottierwäsche und Wattestäbchen gekauft werden, die das Gütesiegel von Max Havelaar tragen (beispielsweise bei Manor, Migros, Helvetas und Switcher). Produziert sind diese Artikel aus biologischer oder konventioneller, auf jeden Fall aber fair gehandelter Baumwolle aus Indien, Pakistan, Mali und Senegal. Was der faire Handel in der Verarbeitung bedeutet, muss allerdings erst noch definiert und dann konsequent umgesetzt werden. Das Label wurde möglich dank dem langjährigen Engagement von Helvetas und Switcher.

Den Leistungsausweis von Switcher können die Konsumierenden selber online abfragen. Mit der Artikel-Nummer findet die Switcher-Kundschaft für jedes einzelne T-Shirt die Bedingungen, unter denen dieses produziert wurde. Unter Respect-Inside kann eine Beschreibung der Produktionskette vom Baumwollfeld bis in die Kleiderfabrik abgerufen werden. Diese Angebote haben das Label «Fairness» verdient, weil sie für die Produzenten einen echten Mehrwert schaffen, der auch von unabhängigen Organisationen garantiert wird und deshalb für die Konsumierenden nachvollziehbar ist.

Die CCC führt zwar eine Liste mit einigen alternativen Anbietern. Der Begriff "Fairer Handel" sollte jedoch auch weiterhin den echten Fairtradern vorbehalten bleiben. Dass Coop beispielsweise für seine Natura Line Produkte die Selbstdeklaration "aus fairem Handel" verwendet, ist zumindest etwas irritierend.
Ist überall Ethik drin wo Fairtrade drauf steht?
Einige Trendlabel nehmen es mit den Sozialstandards ziemlich locker.
Im Kielwasser des Erfolgs von fairem Handel und Biolandwirtschaft treiben verschiedene Fische mit. Problematisch wird der Ethik-Trend dann, wenn für die Konsumierenden keine Garantie besteht, dass so angepriesene Artikel auch wirklich unter fairen Bedingungen hergestellt wurden. Denn einige dieser Trendlabel nehmen es ziemlich locker mit der Umsetzung von Mindeststandards. Dass man schon mal dem Fabrikbesitzer die Hand geschüttelt hat, genügt sicher nicht für das Etikett "ethisch" oder "fair".

Ein Beispiel, das international Furore machte, ist Kuyichi. Auch sie führen einzelne Artikel aus Biobaumwolle. In der Verarbeitung verlassen sie sich jedoch auf die SA8000-Zertifizierung, die von der CCC scharf kritisiert wird. Fairtrade wird trotzdem als zentrale Marketing-Strategie eingesetzt.

Wem also können die Konsumierenden letztlich glauben? Kuyichi arbeitet zwar mit einer holländischen NGO zusammen und behauptet, höhere Preise für die Baumwolle und deren Verarbeitung zu bezahlen. Wenn "Fairer Handel" nun aber als Selbstdeklaration der Unternehmen beliebig wird, ist dies hoch problematisch. Um wirklich glaubwürdig zu sein, sollte sich nämlich jeder Anbieter von Fairtrade-Kleidern einer Verifizierungsstelle (z.B. der Fair Wear Foundation) anschliessen. Wer zu klein dafür ist sollte lieber gleich auf die Fairtrade-Schiene verzichten und bei lokalen Fabrikanten im eigenen Land produzieren lassen. Dieses Prinzip verfolgt etwa das US-Trendlabel American Apparel - aus Sweatshop freier Produktion «Made in Downtown LA».
Bonos Charity-Kampagne "Red" floppt
Bono auf Shoppingtour mit Oprah Winfrey
Am WEF 2006 in Davos hat der Popstar Bono sein Red-Label lanciert. Bei den Modeartikeln und der Kreditkarte mit diesem Label wird rund ein Prozent vom Umsatz an AIDS- und Malaria-Projekte in Afrika überwiesen. Als Partner wählte der Musiker bekannte Modefirmen wie Armani, GAP und Nike sowie den Kreditkartenanbieter American Express. Die EvB bemängelte bereits beim Start, dass für deren Produkte keine verbindlichen Sozialstandards vorliegen. Kritisiert wurde ausserdem, dass Bono bloss einen fragwürdigen Ablasshandel betreibt.

Kein Wunder also, diese Initiative war ein Flopp: Das Charity-Label «Red» kostete einem Bericht von Spiegel-Online zufolge an die 100 Millionen Dollar - und brachte grade 18 Millionen für gute Zwecke ein. „Red“ ist für den fairen Handel folglich unbrauchbar und fürs Spendensammeln zumindest fragwürdig.
Prêt-à-Partager - wer ist bereit zu teilen?
Zur Online-Bestellung dieser Publikation.
Dank einer Marktanalyse von EvB und SKS erhalten die Konsumentinnen und Konsumenten aber erstmals die Möglichkeit, zwischen Vorreitern, Mitläufern und Drückebergern im Schweizer Bekleidungsmarkt zu unterscheiden. Die Resultate zu dieser Firmenbefragung sind auf der EvB-Homepage oder in der Publikation «Prêt-à-Partager» zu finden. Wir empfehlen den Konsumentinnen, die Shoppingtour in der Reihenfolge unserer Bewertung zu planen.

Wir können heute aber leider von keinem Anbieter garantieren, dass die Kleider gemäss den Mindeststandards gemäss der CCC produziert wurden. Dazu braucht es erst eine Verifizierungsstelle. Um das Ziel einer internationalen Verifizierungsstelle zu erreichen arbeiten ISCOM und die niederländische Fair Wear Foundation heute bereits eng zusammen. Bisher setzten sich Migros, Switcher und WWF-Panda für diese Verifizierungsstelle ein. Damit die Probleme in den Fabriken behoben werden können, sollten auch noch viele andere Firmen dort beitreten.
Wer ästhetische Kleider trägt, kann auch ethische Verantwortung tragen
Für die Konsumierenden ist die Auswahl an echten Alternativen zu konventionellen Modeprodukten noch sehr begrenzt. Auch ein höherer Preis ist kein Hinweis für bessere Arbeitsbedingungen. Bei Billigst-Angeboten muss dagegen davon ausgegangen werden, dass in der Produktion die Grundrechte missachtet werden und Menschen gezwungen werden, für einen Hungerlohn Tag und Nacht zu schuften. Aus sozialen und ökologischen Überlegungen macht es folglich Sinn, dauerhaftere Kleider von besserer Qualität zu kaufen und Wühltische mit Dumpingangeboten zu meiden.

Verantwortung übernehmen heisst für Konsumierende aber auch, ihren Wunsch nach gerecht produzierten Kleidern bei jedem Einkauf zu deponieren. Fragen Sie in Ihrer Modeboutique nach den Arbeitsbedingungen der NäherInnen. Und senden Sie den Kassenbeleg an die Geschäftsleitung und verlangen Sie Auskunft über die Herkunft der Kleider. Die EvB stellt Ihnen dazu einen Musterbrief zur Verfügung.
  Das Schweizer Fernsehen hinterfragte im «kulturplatz» am 21. März 2007, 22.50 Uhr, SF1 den neuen «Kaufrausch aus gutem Gewissen»
  Bio? Logisch! Faire T-Shirts aus Biobaumwolle
  Fragen und Antworten zum Label für fairtrade Baumwolle von Max Havelaar
   Hat der Hemdenträger im Bild auch eine weisse Weste bezüglich Herkunft der Waren? Mindestens ein grünes Gewissen hat er (siehe Vergrösserung)! (0.14 MB)
   Was bedeutet Fairtrade für die Bekleidungsindustrie: Diskussionspapier vom Maquila Solidarity Network in Englisch (0.51 MB)

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